Ein unglaublich schönes Panorama eröffnet sich vor mir aus dem Fenster des chilenischen Busses. Die aufgehende Sonne taucht die Landschaft in ein bilderbuchreifes Portrait. Man kann sich kaum vorstellen, dass auf der anderen Seite der Fensterscheibe nur knapp über 6 Grad Celsius herrschen. In rasender Geschwindigkeit kommen wir dem Torres del Paine Nationalpark näher. Mit mir eine Gruppe Gleichgesinnter, alle mit demselben Ziel.

Beim Parkeingang legen wir einen kurzen Stopp ein. Hier braucht sich jeder zu registrieren inklusive der Angabe der Dauer des Aufenthaltes im Park. Beim Verlassen hat man sich wieder abzumelden, damit sie wissen, dass man in den patagonischen Weiten nicht verloren gegangen ist. Eine Sicherheit für beide Seiten.

Wenig später kommen wir bereits bei der Fähre an. Diese bringt uns ans andere Ufer des Sees Pehoe und somit zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Wir verlassen nur ungern den geheizten Luxusbus und tauschen ihn gegen Kälte, Nässe und Wind. Doch die Motivation auf Abenteuer ist stärker.

Auf dem Deck der Fähre herrscht ein eisiger Wind. Das Wetter hat innert Minuten gewechselt und schon finden die ersten Regentropfen ihren Weg zu uns hinunter. Nur wenige finden sich neben mir auf dem Deck ein um diese aussergewöhnliche Stimmung mit dem milchig-bläulich, grünlichen See und den Bergmassiven im Hintergrund einzufangen.

Bei der Ankunft schnallt sich jeder sein Rucksack auf den Rücken. Wir haben auf der Fähre Yogi aus Israel kennengelernt. So sind wir nun zu fünft unterwegs. Sara aus der Schweiz, Mikey aus England und Dan aus Kalifornien. Eine bunt gemischte Gruppe und jede Menge Reisegeschichten auszutauschen.

In unseren Rucksäcken befindet sich Essen für fünf Tage, Zelte, Matten, Schlafsäcke und frische Kleidung. Nebenbei auch noch je eine Flasche Wein, Champagner, Baileys und Whisky um uns die kalten Nächte etwas erträglicher zu machen. Unsere beiden Herren tragen beachtlich mehr Gewicht als wir Frauen.

Fünf Tage und 80km wandern liegen vor uns. Die erste Stunde ist relativ angenehm mit leichter Steigung. Perfekt um sich an das Gewicht des Rucksacks zu gewöhnen. Anschliessend folgt ein steiler Abstieg der eine Strapaze für unsere Gelenke darstellt. Schonungslos spüren wir bei jedem Tritt das Gewicht des Rucksacks. Als wir zu einem Aussichtspunkt gelangen und eine lang ersehnte Pause einlegen, sehe ich das erste Mal schwimmende Eisberge im Grey See. Es sieht surreal aus, als hätte sie jemand extra ins Wasser geworfen, als gehören sie da gar nicht hin. Der eisige Wind lässt darauf schliessen, dass wir dem Gletscher Grey immer näher kommen.

Die weitere Etappe läuft reibungslos. Nach 11km und 5h kommen wir beim Zeltplatz Campamento Grey an. Wir suchen uns einen hübschen Platz auf der Wiese für unsere Zelte und erhaschen noch die letzten wärmenden Sonnenstrahlen. Nur mit Picknick-Zutaten in den Taschen machen wir uns auf den Weg zum Gletscher.

Eine Stunde Fussmarsch später stehen wir auf einem Steinvorsprung, von wo wir einen imposanten Blick zur Zunge des Gletschers geniessen. Das Picknick, bestehend aus Dörrfrüchten, Salami und Brot schmeckt hervorragend.

Zurück beim Zelt kocht Mikey für uns Spaghetti mit Tomatensauce, dies wird es in den nächsten Tagen noch einige Male geben.

Die Nacht im Zelt stellt sich als eine meiner schlimmsten Nächte heraus. Ich friere so stark, dass ich meine Zehen nicht mehr spüren kann. Respektvoll denke ich an all die spannenden Berichte, die ich über verrückte Bergsteiger gelesen habe und staune nicht nur über ihre Leistung am Berg sondern auch über die Hartnäckigkeit um die kalten Nächte zu überstehen.

Nach endlos scheinenden zwei Stunden meldet sich meine Blase. Ich krieche mühsam aus dem Schlafsack. Meine Zähne klappern so laut, dass ich Angst habe, jemand könnte dadurch erwachen. Ausserhalb des Zeltes erschrecken mich die umherirrenden Mäuse. Mit Schreck springe ich zur Toilette und hoffe, keine Maus möge mir zu nahe kommen.

Den gewaltigen Sternenhimmel nehme ich nur wage wahr und bin froh wieder zurück im schützenden Zelt zu sein. Als wir am Morgen aufstehen, liegt eine dünne Eisschicht auf unseren Zelten. Dennoch packen wir alle unsere Sachen zusammen und wandern den steilen Weg von gestern zurück. Nach zirka drei Stunden pausieren wir bei einer Feuerstelle.

Unsere Zelte legen wir ausgebreitet an die Sonne, damit sie trocknen können. Links zweigt ein Pfad ab, dem wir von nun an folgen werden. Er schlängelt sich dem Pehoe See entlang. Das Wetter ist heute richtig schön und warm. Es ermöglicht uns eine weite, klare Sicht. Die gelb-goldig leuchtenden Grasbüschel und die weissen Baumstämme überwiegen das Panorama. Der See liegt friedlich und idyllisch in der Landschaft.

Es ist noch früh als wir beim Zeltplatz Italiano ankommen. Die Tomatenspaghetti zum Abendessen koche heute ich. Anschliessend hängen wir unsere Essensvorräte mit Schnur zwischen zwei Bäume um sie vor den Mäusen fern zu halten und um am nächsten Morgen enttäuscht festzustellen, dass es nicht geholfen hat. Die Mäuse hatten ein regelrechtes Festessen während wir unbekümmert nebenan geschlafen haben. Mit Humor wird alles aussortiert, was noch essbar ist. Zu unserem Erstaunen haben sie sogar ein Loch in unsere mit Wasser gefüllte Plastikflasche geknabbert. Wir werden uns wohl in der folgenden Nacht etwas anderes einfallen lassen müssen.

Wir lassen unsere Zelte und die Rucksäcke zurück und steigen nur mit leichtem Gepäck zum Aussichtsplateau Britànico hinauf. Die Aussicht über das Valle del Frances ist überwältigend. Die Laubbäume sind herbstlich gefärbt, der Kontrast zu den weissen Bäumen ist perfekt. Wir geniessen unsere Zwischenverpflegung, unter anderem auch die mitgebrachte Toblerone Schokolade. Auch sie wurde von den Mäusen nicht verschont. Die Mäuse wissen schliesslich was lecker schmeckt.

Am Mittag sind wir zurück beim Zelt, packen alles zusammen und wandern weiter bis zum Campamento Los Cuernos. Um das Zelt noch bei Tageslicht aufstellen zu können, laufen unsere starken Jungs schon mal voraus. Die Strecke ist landschaftlich faszinierend. Pferdeherden grasen ganz in der Nähe. Die trockene Ebene ist einmalig in ihren Farben. Der Trampelpfad führt mal den Hügel rauf, mal den Hügel runter.

Den Torres lassen wir dabei kaum aus den Augen, ist er doch stets zu unserer Linken in der Ferne sichtbar. Die untergehende Sonne färbt den Bergspitz in ein intensives orange-rot. Birkenwälder säumen unseren Pfad und halten den aufkommenden kühlen Wind ein wenig von uns fern. Mikey, Dan und Yogi haben unsere Zelte bereits aufgeschlagen als wir auf dem Zeltplatz eintreffen. Wir finden uns im anliegenden Refugio mit zahlreichen weiteren Wanderern ein. Für meine Vorstellung von Einsamkeit und Abgeschiedenheit ist hier sowieso Endstation. Zusammen wird gekocht und Karten gespielt bis spät in die Nacht.

Zurück beim Zelt hat Sara Mäuse-Besuch. Mit einem mulmigen Gefühl schlüpfe auch ich in meinen Schlafsack. Die Mäuse stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Mittlerweile haben wir eine gescheite Lösung gefunden, wie wir unser Essen in Sicherheit bringen können. Eine nicht ganz einfache Angelegenheit. Die Frühstücks-Flocken fallen aus mehreren Löchern aus der Verpackung heraus. Die Ersatz-Säcke sind schnell aufgebraucht und somit wird der Transport unserer Lebensmittel immer schwieriger. Wenn wir nun auch noch in unseren Zelten nicht sicher sind von Mister und Misses Pelz, wird das Ganze eher ungemütlich.

Glücklicherweise wird sich herausstellen, dass dies unsere einzige In-House Begegnung mit den putzigen Nagern sein wird.

Die nächste Etappe zum Campamento Torres wird die Anstrengendste sein. Während Stunden wandern wir mit leichter Steigung Meter um Meter in die Höhe. Der Weg biegt links ab und eröffnet uns eine super Aussicht auf die Schlucht. Hier kommen auch all jene Touristen hinzu, die „nur“ mit Tagesrucksack unterwegs zum Torres sind. All jene, die nach einer bequemen Nacht im weichen Hostelbett und munter (unverbraucht) frisch unterwegs sind. Obwohl unsere Rucksäcke täglich an Gewicht verlieren, werden wir immer wieder von ihnen überholt.

Die letzte Nacht verbringen wir beim Zeltplatz Torres, 1 Stunde Fussmarsch entfernt vom Bergmassiv Torres. Zur Stärkung gibt es natürlich Tomatenspaghetti.

Mit einem Becher heisser Milchpulver-Schokolade und Schlafsack sitzen wir später am Rande des Waldes unter dem Sternenhimmel. Tausende Sterne funkeln über uns um die Wette. Nur einer funkelt aus der Reihe, ein Satellit kurvt umher.

Philosophierend sitzen wir lange da und blicken gen Himmel. Beim Anblick dieses imposanten Sternenhimmels fühlt man sich unbedeutend und klein.

Frühmorgens mit Taschenlampe und unzähligen anderen Touristen starten wir den Aufstieg zum Torres. Es ist noch dunkel und wir möchten zum Sonnenaufgang oben sein. Es ist unangenehm kühl und der Wind macht die Sache nicht gerade besser. Auch dicker Nebel bedeckt den Berg und macht es schwierig den Markierungen zu folgen. Wir verlaufen uns und finden uns inmitten von Steinen wieder, die scheinbar nicht zum geplanten Weg gehören. Wir rufen unsere Jungs und sie lotsen uns mit rufen wieder auf den richtigen Weg.

Den Torres sehen wir leider nur im Nebel und der gewünschte Sonnenaufgang findet ausserhalb des Nebels statt. Dennoch überglücklich stossen wir mit Champagner auf unsere 5 strengen aber bereichernden Tage Wandern an. Dass wir es geschafft haben und auf alle tollen Eindrücke und Erfahrungen.