Wild fuchtelt unser Guide, dem wir spasseshalber den Namen Mogli verpassen, mit den Händen umher. Dann blitzschnell bückt er sich und sucht den Boden ab. Mit der Taschenlampe folgen wir ihm. Die Dämmerung ist bereits eingebrochen, obwohl es erst 6 Uhr abends ist. Das Dickicht des Dschungels lässt das letzte Licht des Tages nicht mehr bis zum Boden durch. Auf der Spitze seiner Machete zeigt uns Mogli eine Ameise, so gross wie eine Fingerkuppe. Aha, das ist sie nun, die berühmt berüchtigte Nr. 24 (Ventequatro). Ihr Biss verursacht hohes Fieber für 24 Stunden.

Wir sind mitten im bolivianischen Dschungel beim Rio Beni, einem klitzekleinen Ausläufer des Amazonas. Hier richten wir unser Nachtlager ein. Es beinhaltet eine Matte und ein Moskitonetz, das wir nun an unser Baumstamm-Gerüst welches wir gerade zusammengebaut haben knöpfen werden. Wirklich beruhigt schlafen werden wir wohl diese Nacht kaum.

Balu, unser zweiter Guide (seinen richtigen Namen können wir leider nicht aussprechen…), kocht in der Zwischenzeit das Abendessen. Wir versammeln uns um das Lagerfeuer und lauschen den Geräuschen des Dschungels. Bei dem 2 stündigen Fussmarsch haben wir Puma-Spuren auf dem nassen Boden gesehen. Es ist eine spezielle Vorstellung, nun die Nacht hier draussen zu verbringen mit dem Wissen um all die Gefahren, ist man doch stets behütet in seinem eigen Reich Zuhause.

Mogli erzählt uns von seinem speziellen Ritual um sich bei Mutter Erde zu bedanken. Als Dank für das Leben und alles, was Mutter Erde uns zum Leben zur Verfügung stellt. Ein Dank für alle Tiere und alle Pflanzen. Er möchte uns gerne sein Ritual zeigen und wir sind natürlich hellbegeistert.

In der Mitte flackert eine Kerze in der leichten Brise. Wir beten zusammen und Mogli dankt Pachcha Mama (Mutter Erde), das wir den Weg zu ihm in den Dschungel gefunden haben und bittet sie um Schutz und Behütung für unsere Weiterreise. Er haucht uns Zigaretten-Rauch ins Gesicht um die schlechten Geister zu vertreiben und zur Reinigung. Dabei spricht er spanische Gebete. Alles verstehe ich leider nicht. Obschon ich den Zigaretten-Rauch eher als Vorwand von ihm empfinde, dass er rauchen kann, ist die ganze Zeremonie sehr berührend und eindrücklich. Es fühlt sich an, wie in früheren Zeiten, als man sich als Kind in der Nacht die fantasievollsten Geschichten erzählt hat.

Nach einer etwas unruhigen Nacht machen wir mit Mogli einen Biologie-Ausflug in den Dschungel. Ich bin gespannt. Wir laufen in einer Entenreihe einander durch das Dickicht hinterher und stapfen durch schlammigen Boden. So lernen wir eine völlig neue Pflanzenwelt kennen. Da wären zum einen Lianen aus denen man Wasser trinken kann. Ein Baum, der sich schützt, in dem er roten Ameisen in seiner Rinde ein Zuhause bietet. Bäume mit Wurzeln ausserhalb der Erde, die umherwandern. Und den Kautschuk-Baum, dessen Produkt ich nur verarbeitet kenne. Mogli schneidet in seine Rinde und prompt läuft eine weisse Flüssigkeit den Stamm hinunter. Diese kneten wir bis eine gummiartige Masse entsteht und kleben uns damit kleine Blätter wie Ohrringe ans Ohr. Anschliessend klebt Mogli die Verletzung am Baum wieder zu, damit er nicht noch mehr von seiner wertvollen Flüssigkeit verliert.

Hätte ich heute Morgen beim Aufwachen gewusst, was für ein genialer Tag auf uns wartet, hätte ich Luftsprünge gemacht. Wir machen uns auf den Weg zu einem Ausläufer des Rio Beni an dessen Ufer wir Baumstämme für unser Floss zusammensuchen. Sieben Stück brauchen wir. Wir nehmen bereits gefällte Bäume und zerkleinern diese mit der Axt. Zugegeben, Mogli erledigt dies für uns. Wir feuern ihn lediglich an und kämpfen gegen die Stechmücken und Sandflöhe, die uns erbarmungslos Gesellschaft leisten. Eine ziemliche körperliche Leistung von Mogli – der Arme. Nach diesem Kraftakt klettert Mogli wie ein Schimpanse einen Baum hoch und schneidet Lianen ab um unser Floss zu fixieren. Wir sammeln die zum Teil 10 Meter langen Pflanzenteile zusammen.

Die vorbereiteten Baumstämme liegen weit auseinander verteilt am Flussufer. 500 Meter weiter unten in der Mitte des Flusses befindet sich eine kleine Sandbank. Unsere Aufgabe besteht nun darin, mit jedem einzelnen Baumstamm den Fluss hinunter zu dieser Insel zu schwimmen. Eine nicht ganz einfache Angelegenheit mit der vorhandenen Strömung. Zudem hoffen wir, dass das Krokodil, welches wir gestern auf der anderen Flussseite gesichtet haben bereits gefrühstückt hat.

Mit vereinten Kräften halten wir anschliessend die Baumstämme zusammen um sie auf beiden Seiten mit den Lianen zusammen zu binden. Die Strömung ist stärker als wir angenommen haben. Nach über fünf Stunden ist unser Floss nun bereit zum Ablegen. Die Fahrt zum Ausgangspunkt der Dschungelwanderung dauert knapp drei Stunden. Es bleibt viel Zeit zum Reden und Gespräche über die Unterschiede der Kulturen zu führen. Nur wenn Stromschnellen kommen beginnen wir zu rudern, damit wir unbeschadet daran vorbei kommen. Es ist äusserst entspannend auf dem Floss. Mogli singt Lieder über die Liebe, Träume und Wehmut. Mangroven-Bäume säumen die beiden Uferseiten, Vögel fliegen an uns vorbei. Die Geräusche des Dschungels bekommen meine ganze Aufmerksamkeit und ich präge mir diese Gefühle und Eindrücke tief in mein Herzen ein.