Tsunami-Warnung

11. April 2012. Es ist mein zweiter Tag hier in Sri Lanka. So richtig wohl fühle ich mich noch nicht in dieser völlig anderen und fremden Welt. Ich habe schon einige Orte auf dieser Welt gesehen, doch ich war bis anhin noch nie in einem solch armen Land unterwegs. Dies ist eine ganz neue Erfahrung und Herausforderung für mich. All das Gesehene und das Leid der Menschen gehen nicht spurlos an mir vorbei. Doch ich bin hierhergekommen um die Familie einer guten Freundin kennen zu lernen. Nun sitzen wir also zusammen mit ihrer Cousine Kumari auf einer Liege am schönen Sandstrand. Die Beiden haben sich lange nicht gesehen und somit viel zu erzählen. Ich höre gespannt zu und lausche ab und zu dem Geschehen des Cricket-Spiels, dessen Regeln ich nicht verstehe. Es ist tropisch heiss, ein lauer Wind weht, meine Füsse baumeln im weichen Sand und wir versuchen uns mit einem frischen Fruchtsaft mit Vanille-Eis abzukühlen. Ich erfahre einiges über Kumaris Leben. Es ist nicht einfach mit all den Umständen. Anders als andere hatte sie schon die Möglichkeit in die Schweiz zu kommen und hatte damit Einblick in das Leben im Westen.

IMGP2709Ich frage sie nach dem Ausmass des Tsunamis im Jahre 2004. Leider wurde auch dieser Teil der Insel nicht verschont. Es erfüllt mich mit tiefer Trauer, als ich erfahre, dass Viele ihre Angehörigen aber auch ihr ganzes Hab und Gut durch die Welle verloren haben. Das Haus der Familie von Kumari war auch betroffen, doch sie haben zum Glück keine Angehörigen zu beklagen. Mittlerweile ist der grösste Teil wieder aufgebaut. Damals wurden sie von der Welle überrascht, denn es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine ausreichende Möglichkeit zur Vorwarnung. In Gedanken versunken und in den Erzählungen vertieft bemerke ich nicht, dass sich der gesamte Strand geleert hat. Es ist kaum mehr eine Menschenseele unterwegs und auch das Cricket-Spiel, welches bis zum Abend hin dauern sollte, wurde abgebrochen. Mohan, der Onkel meiner Freundin, kommt zu uns und fordert uns auf, nach Hause zu gehen. Es gäbe einen Tsunami-Alarm. Ich denke zuerst an einen schlechten Scherz und realisiere erst, als wir über die Strasse zum Haus gelangen, dass dort alle in hellster Aufregung sind. Es heisst, wir sollen unsere wichtigen Sachen packen und dann ins Landesinnere flüchten. Da stehe ich nun vor meinem Koffer mit den paar wenigen persönlichen Dingen und nichts erscheint mir wichtig. Hosen? T-Shirts? Was soll ich damit, wenn die Welle kommt?! Dennoch packe ich wie im Traum meinen Reisepass, das Tagebuch, die Kamera und einige Kleider in den Rucksack. Alles fühlt sich unreal an, was geht hier vor? Kumari kniet vor ihrem Bett auf den harten Boden und betet in Richtung des Buddha-Bildes an der kahlen, weissen Wand. Sie meint: „Er wird uns bestimmt helfen“. Ich wünsche mir, ich würde diese Überzeugung mit ihr teilen. Doch in mir drin ist eine Art Leere, tausende von Gedanken und doch keiner. Ich brauche eine Bestätigung über die Tsunamiwarnung von Aussen und mehr Informationen. Sofort denke ich an Zuhause, es besteht Hoffnung, dass es Wissenswertes gibt. Die SMS an meine Eltern ist schnell geschrieben.

Im dreistöckigen Nachbar-Haus steigen wir die Treppe hoch bis auf das Dach. Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick zum Meer und dem Strand. Doch in diesem Moment ist der Anblick des Meeres eher angsteinflössend. Es sammeln sich viele Leute im kleinen, engen Obergeschoss. Jene, die Fernseher oder Radio besitzen bringen diese mit, in der Hoffnung wenigstens dies in “Sicherheit“ zu wissen, falls das Wasser kommt. Meine Eltern schreiben schnell zurück. Es stimme, da es im indischen Ozean vor Sumatra ein Beben der Stärke 8,6 gab, wird in drei bis sechs Stunden eine bis zu acht Meter hohe Welle erwartet, die auf das Festland treffen könnte. Wie stark die Auswirkungen bei uns noch sein werden weiss man natürlich nicht. Ich schaue sorgenerfüllt dem Haus entlang nach unten. Zehn Meter hat es alleweil, doch wird es dem Druck des Wassers standhalten können? Ich möchte einfach so weit wie möglich weg vom Meer. In drei Stunden kommt man weit. Dies erkläre ich Kumari. Doch sie meint, sie bleibe hier bei ihrer Familie. Sie könne jetzt nicht weg, wenn sie sterben muss, dann will sie hier bei ihrer Familie sein. Wer spricht den hier von sterben?!? Ich will nicht sterben!!! Vor meinem inneren Auge sehe ich die Bilder des Tsunami im Jahre 2004. Tränen rinnen über meine Wangen. War’s das jetzt? Mein Leben? Ich fühle mich einsam und verloren. NEIN, NEIN, NEIN!!! Ich will hier weg! Kumari telefoniert und findet doch noch einen TukTuk-Fahrer, der uns von hier weg bringt. Zehn Minuten später steht er bereits da. Er wird uns ins Landesinnere zu weiteren Verwandten meiner Freundin bringen. Ich bin etwas erleichtert. Weinend und in der Hoffnung sich wieder zu sehen verabschieden wir uns von Kumari und der gesamten Familie. Viel Glück, eine Umarmung und los gehts. Schnell merken wir, dass der Fahrer betrunken ist. Er fährt wie ein Verrückter durch die unebenen und engen Kurven. Im Chor schreien wir, er soll langsamer fahren. IMGP2634Schliesslich wollen wir nicht auch noch einen Unfall riskieren. Wir sind keine zehn Minuten unterwegs, schon hält er an, wir seien hier. “Das kann doch wohl nicht wahr sein“ denke ich. Wir werden herzlich begrüsst, die Kinder spielen, die Frauen kochen, die Grossmutter und ich, wir weinen. In unangenehmer Lautstärke flimmern im Fernseher die Nachrichten. Ich verstehe kein Wort, immer wieder frage ich, ob es etwas Neues gibt. Nichts. Scheinbar endloses Warten. Fühlt es sich so an, die Ruhe vor dem Sturm? Im halbstunden Takt werden im Fernseher die gleichen Bilder wieder und wieder gezeigt. Dann endlich nach langen vier Stunden erreicht mich eine Nachricht von meinen Eltern. Sie schreiben, dass die Tsunamiwarnung nun aufgehoben wurde. Nach weiteren zwei Stunden wird dies auch in Sri Lanka bekannt gegeben. Das Erdbeben hatte zwar eine beachtliche Stärke doch es hat erstaunlicher- und glücklicherweise keinen Tsunami ausgelöst. Erleichterung, Freude und Dankbarkeit machen sich breit. Wir hatten enormes Glück. Darauf trinken wir Eines (oder Mehrere…). Danke Buddha!