Der Glaube kann Berge versetzen

Adam`s Peak

P1000574Es ist ein Uhr nachts. Nach nur knapp einer Stunde Schlaf sind wir warm eingepackt unterwegs zum Adam´s Peak – auch Sri Pada (heilige Fussspur) genannt. Schliesslich wollen wir den Sonnenaufgang vom Gipfel aus bestaunen. Dieser 2243 Meter hohe, heilige Berg ist der fünft höchste Sri Lankas. Er liegt in der südlichen Hochebene und bietet bei schönem Wetter traumhafte Ausblicke auf die Umgebung. Je nach Religion unterscheiden sich die Namen und Geschichten zum heiligen Berg. Laut buddhistischem Glauben hinterliess Buddha hier den letzten Fussabdruck auf dem Weg ins Paradies. Christen sind jedoch der Meinung, dass Adam hier zum ersten Mal seinen Fuss auf die Erde setzte, als er vom Paradies vertrieben wurde. Die Hindus nennen den Berg Samanalakande, was so viel heisst wie Schmetterlingsberg. Sie denken, dass Schmetterlinge hierhin zum Sterben kommen. So unterschiedlich die Namen, Geschichten und Religionen sind, so unterschiedlich sind auch die zahlreichen Pilger. Doch alle haben denselben Weg zum Ziel.

In weiter Ferne sehen wir die Lichterkette, welche den Pilgerweg nachts beleuchtet und erahnen unseren bevorstehenden Aufstieg. Bis zum Gipfel sind es über 4800 Treppenstufen und 1000 Höhenmeter.

P1000580Der starke Regen ist vorrüber, dennoch ist es relativ kühl. Begleitet von schönstem Sternenhimmel laufen wir los. Shehan, unser Fahrer, kommt auch gleich mit uns mit. Es scheint ein Lebenstraum jedes Singhalesen und jeder Singhalesin zu sein, um einmal im Leben diesen heiligen Berg besteigen zu können. Vor dem eigentlichen Aufstieg steht eine grosse Buddha-Statue, die zum Beten einlädt. Unsere Freunde tun dies aus Selbstverständlichkeit und Respekt. Im Fluss, der den Weg ein Stück begleitet, waschen sich die Gläubigen rein bevor sie die Treppe zum heiligen Berg betreten. Ich bewundere frierend ihre Hartnäckigkeit und die Kraft ihres Glaubens.

Der Aufstieg beginnt vergleichsweise flach mit vereinzelten Treppenstufen. Die Abstände zwischen den einzelnen Treppen werden immer kürzer bis sie schlussendlich in eine scheinbar endlose Treppe übergehen. Unterwegs kommen wir an zahlreichen kleinen Verpflegungsstationen vorbei, an welchen wir uns mit heissem Schwarztee aufwärmen. Dort beobachte ich, wie sie einem älteren Herrn brennendes Zeitungspapier auf eine Wunde am Fuss drücken um die Blutung zu stillen. So erfahre ich, dass es hier Blutegel gibt, vor denen man sich in Acht nehmen soll. Als Drogistin kann ich kaum zusehen wie dies „behandelt“ wird. Ich bin froh über meine langen Hosen und die Turnschuhe und hoffe, eine solche Tortur möge uns erspart bleiben. P1000494Die meisten Pilger sind barfuss oder mit FlipFlops unterwegs. Ganze Familien mit Kindern und Grosseltern quälen sich teils mühsam den Berg hoch. Auch meinen Freunden fehlt es etwas an Kondition. Abwechslungsweise nehme ich jemanden an die Hand, motiviere sie zum Weitergehen und ziehe sie regelrecht die Stufen hoch. Dieser Ort hat etwas Anziehendes auf mich. Von Müdigkeit ist keine Spur. Ich fühle mich voller Energie, obschon hunderte Stufen hinter uns liegen.

Mit der Zeit schleicht sich jedoch eine Art Ungeduld an, ich möchte endlich wissen, was da oben ist. Drei Stunden später und wenige Meter vor dem „Ziel“ stehen wir regelrecht im Stau und der Sonnenaufgang kündigt sich an. Wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zur Spitze. P1000492Auch wenn der Sonnenaufgang nicht ganz so spektakulär wie erwartet war, entschädigt uns die Aussicht umso mehr. Wir überblicken weite Teile des südlichen Hochlands. Trotz des Dunstes der noch in der kühlen Luft hängt sehen wir in der Ferne viele Hügel, Berge und Teefelder. Dieser Anblick hat etwas Mystisches. Mit den nackten Füssen betreten wir den Tempelbereich. Der Boden ist eiskalt. Ich bewundere mit grossem Respekt alle Pilger, welche den Weg barfuss meisterten. Zum Glück kommt mit den ersten Sonnenstrahlen die Wärme zurück.

IMGP2923Auch wir wollen den Fussabdruck Buddha`s sehen und warten geduldig in der Schlange vor dem Tempel bis wir an der Reihe sind. Im Minuten-Takt werden die Pilger durch den kleinen Tempel geschleust. Es befindet sich eine Buddha-Statue im Innern. Alles ist enorm kitschig mit viel Gold, Blumen und Tücher verziert. Hektisch wird gebetet, Münzen und Blumen geopfert und schon ist man wieder draussen. Irgendwie ernüchternd und enttäuschend für den langen und harten Aufstieg. Von dem Fussabdruck habe ich leider nichts erkannt. Im Aussenbereich zünden wir Kokosöl-Kerzen und Räucherstäbchen an und geniessen erneut den tollen Ausblick auf die umliegenden Hügel mit den Teefeldern. Alleine dafür hat es sich gelohnt den Adams Peek zu erklimmen. P1000505Aber auch wegen den Einheimischen Sri Lankas. Wir begegnen an diesem Tag keinem anderen Touristen. Demzufolge sind wir ein Blickfang für alle wegen unserer hellen Haut. Wir wurden dauernd von verschiedenen Seiten gemustert und regelrecht angestarrt. Doch bei jedem Lächeln, das ich verschenke kommt wieder eines zurück. Und jede helfende Hand wird dankend angenommen, ob hell oder dunkel. Für ihre Offenheit und Akzeptanz schätze ich die Singhalesen sehr. Und gegenüber der stärke ihres Glaubens habe ich grössten Respekt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen – Der Glaube kann Berge versetzen.